Geflüchtete in Isernhagen – Investition in die Zukunft

Ein Beitrag von Philipp Neessen, Ortsbürgermeister Altwarmbüchen.

Bei Gesprächen mit älteren Bürgern über Flüchtlinge entdecke ich oft Erstaunliches: viele haben ihre Wurzel nicht in Isernhagen – es sind oft ehemalige Flüchtlinge. Sie oder ihre Eltern mussten als Folge des Krieges die Heimat in Ostpreußen, Pommern, Sudetenland oder Schlesien verlassen (1945 – 1950 = 12 – 14 Mio.). Andere flohen aus der ehemaligen DDR (von 1949 – 1989 = 3,5 Mio.) Später waren es Familien aus Russland (nach 1990 = 2,3 Mio.), der Türkei (= 1,7 Mio.) oder Italien (= 0,5 Mio.), die ihre Heimat aufgaben, weil sie bei uns in Freiheit und Wohlstand leben wollten. Wenn Sie mitrechnen: von ca. 80 Mio. Deutschen haben ca. 20 Mio. Wurzeln als „Zugewanderte“.

Viele wissen noch wie es war oder kennen es von der Erzählungen aus der Familie: man hatte alles verloren und musste in der Fremde neu beginnen. Schwer genug. Dazu kamen noch die Diskriminierungen der Einheimischen, die nicht so gelitten hatten („… die Flüchtlinge bekommen alles und wir …?“; „Die Flüchtlinge kosten uns viel Geld – dass könnten wir besser investieren!“; „Die Flüchtlinge nehmen uns Arbeitsplätze weg …“, so klang es damals und so klingt es heute wieder). Aber die Befürchtungen traten nicht ein. Die ehemaligen Flüchtlinge haben es längst geschafft, gleichwertige und gleichberechtigte Mitglieder unserer Gesellschaft zu werden. Sie haben unsere Gesellschaft mit aufgebaut und sie bereichert. Das Trauma von Flucht und Vertreibung hat sich aufgelöst.

Was lerne ich daraus für mich als junger Mensch? Es ist menschlich und anständig, dass wir auch heute wieder Menschen helfen, die in ihrer Heimat von Krieg und Verfolgung bedroht werden und deren Existenz vernichtet wurde. So wie vielen Isernhagener Mitbürgern bzw. deren Eltern und Großeltern geholfen wurde, als sie zu uns kamen.

Es ist ermutigend, dass auch durch Isernhagen, als Menschen mit nichts als Ihrem Leben vor unserer Tür standen, eine Welle der Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft ging. Viele Bürgerinnen und Bürger aus Isernhagen halfen ohne zu fragen, wieviel Geld und Zeit es kosten würde, diese Menschen würdig unterzubringen und zu versorgen. Sie ließen und lassen sich nicht durch Diffamierungen, Hetze, und Hasspropaganda einiger Weniger von Ihrem Engagement für die Flüchtlinge abbringen. 

Darüber hinaus glaube ich, dass die Integration der Geflüchteten bei uns in Isernhagen ganz nüchtern betrachtet eine gute Investition in die Zukunft ist. Aus meiner Arbeit als Vorsitzender des „Helfernetzwerk Isernhagen e.V.“ weiß ich: junge Syrer, Afghanen, Iraker und Somalier sind hochmotiviert Deutsch zu lernen und eine Arbeit zu finden. Es ist zwar noch ein langer Weg, aber mit ihren Steuern und Sozialabgaben werden die Neuankömmlinge unserer Gesellschaft mehr zurückgeben, als uns ihre Integration gekostet hat.

Und als ein Ortsbürgermeister weiß ich, dass Isernhagen auch weiterhin von Toleranz und Hilfsbereitschaft geprägt sein wird und Diffamierungen und Hass keine Chance haben werden. 

Philipp Neessen (Ortsbürgermeister Altwarmbüchen)